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Online-Casinos. Eine uneinsehbare Falle.

Kommen wir nun zum Elefant im Raum, zum Zentrum meines Daseins, zur Ursache meiner größten Sorgen und Probleme, zur schwierigsten Angelegenheit in der Familie. Online-Casinos.

Angefangen hat die Abhängigkeit nach Casinos sicher ganz klassisch – nach meinem ersten Besuch in der Spielbank und einem Gewinn von knapp 200€. Das Gefühl, mit wenig „Arbeit“ einen hohen Geldbetrag zu gewinnen, war schillernd. Das Blinken des Automaten, die Geräusche aus dem Lautsprecher, die laute Musik, mit der der Automat meinen Gewinn quittierte, trafen mich direkt ins Herz.

Ich war nie ein Mensch mit vielen Freunden. Ich war häufig unglücklich mit mir selber, hatte früh in meinem Leben eine Beziehung, die mich sehr beschädigt hat und war seit meiner Jugend ein Zocker. Ich habe immer gezockt, an der XBOX teilweise 8 Stunden täglich. Nun stand ich im Casino – der Besuch ein Geschenk meines Cousins – und schaute in den Automaten, wie er die Scheine nur so ausspuckte. Gut, in der Spielbank waren wir eigentlich wegen einem Pokerturnier (eines meiner liebsten Hobbys), aber wo ich nun vor dem Automaten stand, war ich wie gefangen.

Was genau in diesem Moment den „Klick“ bei mir ausgelöst hat, weiß ich nicht. Es war meine erste Berührung mit einem Spielautomaten und er war leider positiv. Hätte ich an diesem Abend verloren wäre es vielleicht nie soweit gekommen. Aber ich gewann – während ich fürs Leben verlor.

Nicht allzu lange Zeit später (waren es vielleicht wenige Tage?) zahlte ich erstmals in ein Online-Casino ein. Die Glitzerwelt im eigenen Schreibtisch zu erleben war entspannt. Man war für sich, musste sich nicht rechtfertigen, nicht zuhause zu sein und konnte in Ruhe spielen. Die Einsätze waren moderat. Winzig würde ich heute sagen. Gewinne gab es nicht, ich habe die erste Zeit nie „etwas rausgeholt“. Aber das Spielen stimulierte meine Gedanken, half mir, meinen Alltag zu vergessen. Allein dieser Aspekt ist bis heute geblieben. Wenn man spielt, vergisst man die Zeit. Die Spannung, jederzeit einen großen Gewinn landen zu können, belebt einen. Sie hat mich in ihren Bann gezogen – und nie wieder los gelassen.

So vergingen einige Monate. Ich zahlte ein, verspielte, zahlte ein und verspielte. Hatte ich mein Geld verspielt, ging es in den Dispo. Brauchte ich Geld für Tanken, pumpte ich meine Mutter an. Stets mit einer Ausrede „dass ich einfach nicht mit meinem Geld klar komme“.

In meiner ganzen „Karriere“ war ich drei mal in Spielhallen. 2x mit Freunden und nur 1x alleine. Und genau dieses Mal, an dem ich alleine war sollte mein Leben verändern.

Es muss der 12.11.2015 gewesen sein. Ein Tag nach meinem 19. Geburtstag. Ich meldete mich bei meinen Eltern ab, „dass ich noch ein bisschen mit meinem Auto rumfahre“. Das habe und mache ich oft, um den Kopf frei zu bekommen. Nur war dieses Mal anders. Ich fuhr nicht durch die Gegend, nein. Ich fuhr zur Spielhalle, welche keine 2 Minuten von unserem Zuhause entfernt war. Ich parkte mein Auto und ging herein. Man übersieht in dem Moment die verbitterten Gestalten, welche gerade ihr letztes Geld in den Spielautomaten werfen. Ich ignorierte diese Menschen, ohne zu wissen, dass ich keine 4 Jahre später genau derselbe Mensch sein werde.

Jedenfalls setzte ich mich hin und steckte mein Geburtstagsgeld in den Automaten. Ich glaube es waren 50€. Ich öffnete den Spielhallen-Klassiker „Book of Ra: Deluxe“. Spins auf (für mich zu der Zeit) sehr hohe 1.00€ und ich drehte. Dies tat ich nicht allzu lange, vielleicht 25 Minuten. Im 2. Freispiel „schmiss“ der Automat knapp über 100€. Im fast selben Moment bekomme ich eine Nachricht auf meinem Handy von meinem Vater. Ein Bild meines Autos mit der Unterschrift:

„Wenn ich jetzt keine Schuhe anhätte, würde ich reinkommen.“

Die Worte haben sich in meinen Kopf eingebrannt, als wäre es gestern gewesen. Ich beendete die Freispiele und spielte noch ca. 5 Minuten weiter, bevor ich meinen Gewinn von ca. 100€ nahm und fuhr. Ich fuhr durch die Gegend. Sprach, wie ich es oft tue, mit mir selbst. Wohin ich fuhr, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls muss es ca. eine halbe Stunde gewesen sein, bevor ich wieder nach Hause ging.

Zuhause angekommen ging ich zu meinen Eltern ins Wohnzimmer. Es war eine angespannte und für mich sehr beunruhigende Situation. Ich versuchte mich zu erklären, warum ich dort war. Ich erzählte, dass ich spielsüchtig war. Ich meinte es ernst, habe versucht, eine Lösung zu finden. Ich versprach, nicht mehr zu spielen und mir Hilfe zu suchen.

Einen Tag später ging ich shoppen und kaufte mir von meinem gewonnenen Geld einen Pulli, den ich bis heute besitze. Ich verbinde ihn jedes Mal mit genau diesem Abend.

So verging die Zeit für einige Wochen und ich kam langsam vom Spielen los.

Natürlich habe ich mir nie Hilfe gesucht. Man glaubt ja, dass man alleine klar kommt. Ein Irrglaube. Ich habe in meiner Sucht eines wirklich gelernt:

Irgendwann belügt man sich selbst so oft, dass man nicht mehr weiß, was die Wahrheit ist.

Jedoch begann ich irgendwann wieder zu spielen. Wann genau es war, weiß ich nicht. Dieser Teil ist in meinem Kopf verdrängt.

Im Jahre 2016 bahnte sich jedoch ein weiterer Lebensabschnitt an. Ich wechselte während der Ausbildung meine Arbeitsstelle. Zu der Zeit war ich sehr abhängig. Ich spielte auf der Arbeit, ich spielte sogar auf der neuen Arbeit. Fast wäre ich deswegen auch rausgeflogen. Es war Ernst.

Zu der Zeit spielte ich im Onlinecasino Casumo. Durch seine optische Aufmachung sprach es mich an. Ich verbrachte viel Zeit darin. Die Einsätze stiegen und ich gewann die ersten Beträge, die ich auch auszahlte. Das Auszahlen hätte ich mir schenken können – verzockt habe ich es doch eh.

Auch damit vergingen einige Monate, bis sich wieder ein Gespräch mit meinen Eltern anbahnte, weil ich genau da war, wo ich schon vorher war. Dieses Gespräch war im November oder Dezember 2016.

Wir beschlossen, dass ich fortan mein Geld nicht mehr selbst verwalten sollte. Meine Eltern erhielten einen Kontozugriff und ich gab meine Bankkarten ab. Von nun an waren meine Eltern mein Geldautomat. Wollte ich etwas kaufen, musste ich mir Geld von ihnen holen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich Schulden i.H.v. ca.500€. Diese zahlte ich ab und mein Konto war das letzte mal wirklich im positiven Bereich.

So ging es einige Wochen weiter. Es kam der Jahreswechsel 2017 und ich hatte das gefühl, es trat eine Besserung ein. Doch dann fuhren meine Eltern in den Urlaub und hinterließen mir Geld, welches ich jedoch mit Bedacht und mit Verwendungsnachweis verwenden sollte.

Mit einem ausgedachten Verwendungszweck nahm ich 25€ und kaufte an der Tankstelle eine Paysafe-Karte. Ein Online-Zahlungsmittel, mit dem ich bei Casumo einzahlen konnte.

Es war der 18.02.2017.

Ich spielte den ganzen Abend – ein Freitag – bis tief in die Nacht. Ich gewann an diesem und dem nächsten Abend ca. 3600€. Natürlich wollte ich dieses Geld sofort auf mein Bankkonto auszahlen lassen. In meinem Kopf schwirrten die Gedanken, dass ich ja nun alle Schulden auf einen Schlag ausgleichen und entsprechende Kosten decken könne. Ich zahlte also die 3600€ aus und ging schlafen. Bis dato hatte ich wusste ich nicht, dass es im Online-Casino Limits gibt, ab denen eine Verifizierung für die Auszahlung notwendig wird. Dafür sind ein Personalausweis und eine Versorgerrechnung notwendig – aber leider auch das Foto der Kreditkarte, mit der ich vorher mal eine Einzahlung gemacht hatte.

Das Problem war: Die Kreditkarte hatte ich nicht und eigentlich durfte ich nicht spielen. Hätte ich jetzt nach der Kreditkarte gefragt, um „Gewinne aus einem Casino“ auszuzahlen, hätte ich mir selbst ausrechnen können, wie das geendet hätte.

Ich zog also die Auszahlung zurück. Am Sonntagabend spielte ich dann jedoch weiter. Auf Beträgen, die teilweise die 10€-Marke/Spin überstiegen. Und der Monster-Betrag den ich gewonnen habe, schrumpfte und schrumpfte, bis er schlussendlich komplett fort war.

Ich hatte also 3600€ verloren. Ich fühlte mich taub, traurig und war wütend auf mich selbst.

Natürlich erzählte ich nichts davon und verschwieg es. Auch versuchte ich es zu verdrängen. Was aber nicht wirklich klappte und ich spielte immer weiter.

Dazu aber bald mehr.

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